tach zusammen =)
Fotos von Cruzton: http://picasaweb.google.com/emarianimex
seid Mittwoch bin ich wieder zurueck in San Cristobal. Diesmal war ich fuer zwei Wochen mit zwei Deutschen (Miriam und Anne) und Lisa (mit ihr war ich auch schon in Huitepec) in der Gemeinde Cruzton.
Vielleicht zuerst allgemein etwas wegen Neutralitaet und so. Offiziell sind die internationalen Beobachter “neutral”, das heisst wir duerfen uns politisch nicht aeussern und auch keine politische Arbeit (Demonstrationen, etc.) machen. Wer sich nicht daran haelt, wird von der Polizei ausgeschafft. So sind wir hier als “neutrale” Beobachter, welche sich nicht einmischen. Allerdings ist unsere Rolle, wenn auch nur passiv, immer auf der Seite der aufstaendischen indigenen Bauern (Zapatisten oder eine der vielen anderen Organisationen), da diese ja unseren Schutz wollen. Da wir in den Doerfern, welche politisch gespalten sind (z.B. Cruzton) praktisch ausschliesslich Kontakt mit den aufstaendischen, aber nie mit den regierungstreuen Bauern haben, sind unsere Berichte auch entsprechend gefaerbt. Ich will damit nicht sagen dass ich den Leuten nicht glaube was sie mir erzaehlt haben, ich will nur darauf hinweisen dass meine Informationen nicht ganz neutral sind =). (ich schreibe hier auch nur Dinge auf, welche mir oder den anderen Beobachtern direkt erzaehlt wurden, wer mehr wissen will kann die Links am Ende des Artikels anschauen).
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Wer sich Gedanken macht ueber den Sinn der internationalen Beobachter (weil halt in meinem Einsatz nichts passiert ist) sollte unbedingt vor allem den zweiten Beobachter-Artikel ganz unten lesen! Ist sehr eindruecklich und interessant (die Fotos waren in unserer Huette ausgestellt).
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Um nach Cruzton zu kommen mussten wir zuerst ca. 2 Stunden Bus fahren und dann noch ca. 1.5 Stunden zu Fuss (unsere Rucksaecke haben zum Glueck zwei Pferde getragen =) ) gehen.
Cruzton ist ein kleines Dorf mit ca. 50 ziemlich weit gestreuten Familien. Von diesen 50 Familien sind ca. 30 in der “Otra Campana” (die “Otra Campana” wurde von den Zapatisten ins Leben gerufen um mehr Doerfer im Widerstand zu vereinen. Wer bei ihr dabei ist unterstuetzt zwar die Ziele der Zapatisten und erhaelt auch Unterstuetzung von ihnen, muss sich aber nicht nach den Regeln der Zapatisten richten und nimmt nicht an Entscheidungen und Aufbauarbeiten teil) organisiert, 2 sind bei den Zapatisten (die nennt man “bases de apoyo”) und der Rest ist nicht organisiert (viele sind in der evangelikalen Kirche und koennen sich darum nicht den Zapatisten anschliessen, da die Kirche es nicht duldet dass man sich gegen den Staat wendet). Die Familien in der “Otra Campana” haben aber gerade in der Zeit als wir dort waren entschieden dass die letzten Familien die Staatssubventionen jetzt auch ablehnen. Dies ist fuer sie ein weiterer Schritt Richtung Zapatistas, da es den zapatisten verboten ist staatliche Unterstuetzung anzunehmen. Dies aus dem Grund da die Zapatisten unabhaengig sein und sich vom Staat nicht kaufen lassen wollen.
Das Klima war viel angenehmer als in Huitepec
, am Tag meistens sehr warm und in der Nacht kuehl. Da aber die Wechsel ziemlich extrem waren waren die meisten von uns mehr oder weniger die ganze Zeit krank. Lisa ist vier Tage frueher zurueckgegangen, da sie eine Halsentzuendung hatte. Ich hab mich die ganze Zeit einfach sehr schlapp gefuehlt und hatte ab und zu Bauchprobleme, aber nichts gravierendes =).
Zur Geschichte von Cruzton: Bis im Jahr 1994 haben saemtliche Bauern fuer einen Grossgrundbesitzer gearbeitet. Auch wenn dieser die Leute geschlagen und sie absolut mies bezahlt (sie haben nur zwischen 2-5 Pesos = ca. 20-50 Rappen pro Tag erhalten) hat, sind sie ihm treu geblieben. Die Gruende dafuer sind einerseits dass sie kein anderes Leben kannten (ein alter Mann hat mir erzaehlt wie sein Vater sein ganzes Leben auf dem Hof gearbeitet hat und nie genug Geld hatte um sich selber etwas zu leisten), andererseits dass sie keine Bildung hatten (viele haben damals kein Spanisch gesprochen und da sie so schlecht verdienten, mussten sie den ganzen Tag arbeiten um zu ueberleben). Die einzelnen Bauern wohnten zerstreut rund ums heutige Cruzton. Wie genau habe ich leider nicht verstanden, allerdings haben sich die Bauern bis 1994 oefter dann doch zusammengetan und gegen den Gutsherrn aufbegehrt, so musste er ihnen Land geben dass sie ihre eigenes Dorf (Cruzton) errichten und fliessendes Wasser bekommen konnten. Spaeter haben sie auch Anbindung an das Elektrizitaetsnetz verlangt, darum haben heute alle Haeuser Strom.
1994 war der Aufstand der Zapatisten, welcher eine Welle von Landbesetzungen mit sich zog. Der Grossgrundbesitzer von Cruzton hatte Angst und floh darum nach Mexiko City. Zuvor haendigte er allerdings den Bauern von Cruzton mit den Worten “dies wird euch in der Zukunft noch viel nuetzen” ein Papier aus. Da die Bauern allerdings nicht lesen konnten wussten sie nicht dass dies die Besitzurkunde des gesamten Landes war und der Grossgrundbesitzer so das Land den Bauern zurueckgeben wollte (natuerlich tat er dies weil er sein Land sowieso nicht behalten konnte und nicht weil er einfach nett war =) ). Gleichzeitig bestzten aber ca. 30 Leute aus dem groesseren Nachbarsdorf Teopisca das Land des Grossgrundbesitzers indem sie sich als Zapatisten ausgaben. In Wahrheit waren sie wohlhabende Leute (Anwaelte, Politiker, etc.), welche ihren Vorteil aus dem zapatistischen Aufstand ziehen wollten. Sie begannen mit Kaffeeanbau und stellten Arbeiter an (arbeiteten aber praktisch nie selber). Da die Bauern von Cruzton immer noch kein Land hatten, vermieteten die Leute aus Teopisca die Felder an die Bauern aus Cruzton. So mussten sie bezahlen damit sie auf ihren eigentlich ihnen gehoerenden Feldern arbeiten konnten. Ausserdem badeten die Teopiscaner bei ihren Ausfluegen aufs “Land” im Fluss und wuschen dort auch ihr Essen und ihr Geschirr. Dieser Fluss ist die Wasserzufuhr zum Dorf, so wurden viele Leute in Cruzton durch das verschmutzte Wasser krank.
Da aber die Bauern von Cruzton das Papier des Grossgrundbesitzers dann doch mal lesen konnten und mitlerweile auch eine Generation herangewachsen war welche sich mit der Quasi-Sklaverei nicht mehr zufrieden geben wollte (der zapatistische Aufstand hat auch viele Leute beeinflusst), begannen sie sich zu wehren. Sie versuchten es zuerst bei den Politikern und beim Gericht in der naechst groesseren Stadt. Da sie aber niemand anhoerte (hier meinen immer noch viele Leute dass die Indigenen nichts wert sind. Darum werden sie auch in oeffentlichen Aemtern, Gerichten, Spitaelern, etc. schlecht behandelt. Dies war unter anderem ein Grund fuer die zapatistische Revolution), besetzten sie im Fruehjahr 2007 die ganzen Felder. Dabei erhielten sie Unterstuetzung des FrayBa und der “Otra Campana”. Die Teopiscaner fluechteten und die Bauern aus Cruzton konnten erstmals ihre eigene Erde bearbeiten ohne ausgebeutet zu werden.
Gleichzeitig wurden auch zwei Ueberwachungsposten eingerichtet. Einer am unteren Dorfeingang und einer ca. 10 Minuten oberhalb des Dorfes mit Sicht auf alle Felder. Dort ueberwachten Tag und Nacht Leute aus Cruzton und internationale Beobachter (solche wie ich
) die Situation.
Da aber diese Leute Kontakte zur politischen Elite dieses Bezirks haben und die Polizei sehr korrupt ist, versuchte diese 3 Mal ins Dorf einzudringen. Die Begruendung war, dass die Cruztoner das Land unrechtmaessig besetzt haetten. Ca. 10 Personen von Cruzton werden verdaechtigt den Aufstand angezettelt zu haben, die Polizei wollte sie verhaften (auch wenn keine Haftbefehle bestehen).
Das erste Mal drang die Polizei um 5 Uhr Morgens ins Dorf ein, schlug einige Leute und “erschreckte die Kinder” (die Leute haben sonst praktisch keinen Kontakt mit der Polizei). Die Bauern wussten aber vorher schon bescheid und konnten sich in Sicherheit bringen.
Das naechste Mal wurde die Polizei am unteren Dorfeingang von den mit Stoecken bewaffneten Frauen des Dorfes zurueckgehalten. Dann Mitte Juli 2008 besetzte ein Grossaufgebot der Polizei, begleitet von den Leuten aus Teopisca (so wurde auch klar wer hinter dem Polizeieinsatz steht, siehe Videos am Ende des Blogeintrags..) die Felder erneut. So konnten die Bauern ihren Mais nicht mehr bewirtschaften, was jetzt dann in der Erntezeit im Dezember fuer einige Familien ein ziemliches Problem darstellen wird, da Mais ihr Hauptnahrungsmittel ist. Ausserdem frassen die Pferde der Polizei den Mais und die Polizisten versiegelten den Wasserzugang zum Dorf. Zu diesem Zeitpunkt waren ca. 10 internationale Beobachter im Dorf. Die Situation war dann ziemlich krass. Da das Wasser von weit her geholt werden musste und es auch nicht sauber war, wurden viele krank.
Nach ca. einem Monat entschied das FrayBa zusammen mit dem Dorf und den Unterstuetzern der “Otra Campana” dass es so nicht weitergehen kann, da sonst ein viel zu grosser Teil der Ernte ausfallen wuerde. So gingen die Bauern Mitte August wieder auf ihre Felder, um das Unkraut zu tilgen und die Quelle zu “befreien”. Als Schutz gegen die Polizei bildeten viele Frauen des Dorfes und von Unterstuetzern der “Otra Campana” eine Kette zwischen den Bauern und der Polizei. Sie wurden von Internationalen Beobachtern begleitet, welche das ganze aufzeichneten. Da die Polizei in der Minderzahl war, zog sie sich zurueck. Allerdings kehrte sie am naechsten Tag mit Verstaerkung zurueck und wollte den oberen Beobachtungsposten stuermen. An vorderster Stelle stand ein Staatsanwalt mit einem Stock bewaffnet, was wieder ein gutes Beispiel fuer die Korruption ist.. Es kam zu einer gewalttaetigen Auseinandersetzung zwischen der Polizei, den Bauern und auch einigen Beobachtern. Da sich der Posten auf einem kleinen, ziemlich steil abfallenden Huegel befindet, fielen 3 Polizisten und ein Bauer hinunter und verletzten sich (was es sonst fuer Verletzungen gab ist mir nicht bekannt, ausser dass der Staatsanwalt einem Bauern auf den Kopf schlug und dieser eine ziemlich grosse Wunde davontrug). Die Polizei wurde zurueckgeschlagen und da alles aufgezeichnet wurde, konnte das FrayBa bei hoeheren Politikern Druck ausueben und die Polizei musste abruecken (da ja auch rechtlich wirklich kein Grund bestand, da die Leute aus Cruzton die Urkunde fuer das Land besitzen..). Bis heute gab es keine weiteren Probleme mehr, allerdings kann man nie wissen ob es die Leute nicht doch wieder probieren.
Ein weiteres Problem besteht darin dass sich die Felder von Cruzton einen Huegel hinaufziehen, in welchem die Regierung eine Mine (Gold glaub ich..) errichten will. Da die Bauern ihr Land aber nicht verkaufen wollen (auch da sie wissen dass so eine Mine oft auch eine Kontamination der Umwelt mit sich bringt), besteht die Gefahr weiterhin dass sie von Polizei oder Militaer vertrieben werden.
So viel zur Geschichte =).
Wir vier Beobachter lebten im Gemeinschaftszentrum im Zentrum des Dorfes. Wir hatten einen Gasherd, viel Platz zum schlafen und fliessend Wasser und sogar zwei WCs
. Was allerdings ziemlich uebel war, war dass wir am Boden neben den WCs das Geschirr waschen mussten und uns dort auch duschten. Ich denke das hat unter anderem zu unseren Magenproblemen beigetragen..
Jeden Tag bekamen wir frische Tortillas, manchmal Papaya, Tamales und Bananen. Neben dem Essen was wir mitgenommen haben, konnten wir auch wieder aus einem kleinen Laden die noetigsten Dinge kaufen und ein Lastwagen mit Fruechten und Gemuese kam auch zwei Mal pro Woche vorbei.
Wir mussten uns alle Tage auf die zwei Ueberwachungsposten aufteilen. So waren wir von 8 Uhr bis 12 Uhr und dann von ca. 2 Uhr bis 6 Uhr auf den Posten. Danach kamen wir zurueck, kochten und sprachen mit den Leuten oder spielten Basketball oder mit den Kindern. Um 9 Uhr gingen wir zu Bett. Die Bauern legen sich meistens schon um 8 Uhr hin, da sie auch zwischen 4 und 5 Uhr aufstehen.
Auf den Posten wars sehr angenehm =). Wir konnten nichts tun und die Umgebung geniessen (vor allem auf dem oberen Posten wirklich extrem schoen), mit den Bauern sprechen (fast jeder Tag waren andere mit uns auf den Posten), diskutieren, lesen, jonglieren lernen =), schreiben, Backgammon spielen, etc.. Mir war praktisch nie langweilig.
Unsere Gruppe war wirklich kuul, wir haben viel gelacht und diskutiert. Die Probleme haben sich auf sehr kleine Dinge beschraenkt (da auch diesmal halt alle gegen Ende muede waren nervten wir uns halt schneller ab Kleinigkeiten, aber eben war nichts schlimmes und wir kommen immer noch sehr gut aus miteinander =)..).
Was ziemlich krass war, waren die Tiere in Cruzton. Es gab sicher 100 Haehne und Hunde und Esel, die ziemlich puenktlich um halb 1 um 4 und dann um 6 Uhr Morgens kraehten, bellten oder (weiss grad nicht wie man dieses komische Geraeusch nennt welches die Esel machen =) ). War schon extrem laut, aber irgendwie haben wir uns daran gewoehnt.
Sonst hatte es auch einige Tierchen (Spinnen, grosse Schmetterlinge, 3 cm grosse Ameisen, Kolibris, Froesche im Badezimmer, Kakerlaken), allerdings waren die meisten nicht in unserem Haus..
Geschlafen haben alle in Haengematten ausser ich auf zwei Baenken. Mitlerweile find ich das ganz angenehm =).
Das Leben im Dorf war schon sehr anders als in der Schweiz.. Es gibt ueberhaupt keinen Stress oder so, auch wenn alle jeden Tag auf die Felder gehen und hart arbeiten haben sie halt keine festen Arbeitszeiten. Da hier viele Leute Pferde hatten und dies eigentlich das Hauptfortbewegungsmittel ist bin ich mir manchmal wie in einem alten Film vogekommen =).
Der ganze Einsatz hat mir sehr gefallen, es war eine sehr spannende und gute Erfahrung. Ich finds nach wie vor sehr sinnvoll und kann es nur weiterempfehlen =).
Jetzt bleib ich noch ein bisschen in San Cristobal (hier ists jetzt auch einiges kaelter, auch wenns tagsueber immer noch meistens sehr angenehm ist) und gehe dann mit einer guten Kollegin von hier fuer einige Tag nach Belize und Yucatan, die Karibik-Straende geniessen und so =). Was ich dann mache ist noch nicht so klar, ich habe verschiedene Ideen, weiss aber noch nicht so genau..
Videos ueber Cruzton (spanisch):
http://www.youtube.com/watch?v=yncnJtdrXug&feature=related
http://www.frayba.org.mx/videos.php?ID=712&language_ID=1&hl=es
weiteres Video (spanisch, ca. 10 min):
http://www.youtube.com/watch?v=NYZG6blQOsE
ein anderer Beobachter-Bericht (na ja hier sieht man ziemlich gut dass die Bauern nicht alle dasselbe erzaehlen, das haben wir auch bemerkt =), aber im grossen und ganzen stimmts schon mit dem ueberein was ich gehoert habe. Wachtposten hat es aber jetzt wirklich nur noch zwei.. Wie sie erzaehlt konnten sie frueher auf den Posten kochen, das kann man jetzt nicht mehr, oder man macht es nicht mehr? auf alle faelle haben uns die Bauern das nie vorgeschlagen (sie selber essen auch in ihren Haeusern). Was auch sehr eindruecklich ist wie sie den Widerstand der Frauen beschreibt, das haben wir halt nicht so direkt mitbekommen..):
http://www.peacewatch.ch/public/frameset.aspx?cat=1&lang=DE
zweiter Bericht (als die Polizei die Felder besetzte):
http://www.peacewatch.ch/public/frameset.aspx?cat=1&lang=DE